„Lebensziel: Märtyrer – Erfahrung: keine“ betitelte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ im Januar 2008 einen Artikel über potentielle Selbstmordattentäter im Irak. [ 1 ] So fragwürdig der Titel anmuten mag, so interessant ist die Nachricht: Den US-Amerikanern war ein elektronisches Archiv mit einem Namensverzeichnis inklusive Kurzbiographien von über 600 Menschen in die Hände gefallen, die in den Irak gekommen waren, um dort den ğihād gegen die Ungläubigen weiterzuführen – auch als Selbstmordattentäter. Sigrid Weigel, die Direktorin des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, nimmt den 11. September 2001 und damit den Beginn einer neuen Konjunktur von Selbstmordattentaten zum Anlass, um „Schauplätze, Figuren, Umformungen“, „Kontinuitäten und Unterscheidungen von Märtyrerkulturen“ einer kulturwissenschaftlichen Analyse zu unterziehen (S. 11-38). Für Weigel sind die heiligen Kämpfer des Islams „Wiedergänger“ der abendländischen, christlichen Geschichte (S. 11), in der Märtyrerfigurationen aber ebenfalls längst nicht ausgestorben sind, wie es zahlreiche Porträts in diesem Band unter Beweis stellen. Die Idee zu dem Sammelband ist klug; Weigel reagiert auf ein Forschungsdefizit, sind doch bislang die Arbeiten zum Märtyrer theologisch [ 2 ] oder in den letzten Jahren vor allem politisch motiviert gewesen – letzteres mit einer deutlichen Fokussierung auf den Islam. [ 3 ] Es ist Weigels Verdienst, dass sie den Begriff des Märtyrers im Sinne eines ‚Opfers/Todes für ’ aus der zeitlichen und räumlichen Alterität herausgeholt hat.