Nachdem in den letzten Jahren zahlreiche regional- und unternehmensgeschichtliche Einzelstudien zur NS-Zwangsarbeit entstanden sind, lässt sich ein steigendes Interesse an einordnenden und vergleichenden Fragestellungen feststellen. Hans-Christoph Seidel zeigt mit seiner an der Ruhr-Universität Bochum eingereichten, umfangreichen Habilitationsschrift zum Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg, dass sich diese Auseinandersetzung auch im Hinblick auf die Weiterentwicklung des Forschungsgegenstandes lohnt.
Seidel untersucht mit dem Ruhrbergbau eine Branche, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts einer der bedeutendsten deutschen Industriezweige war. Für die nationalsozialistische Kriegswirtschaft war die Steinkohle ein Schlüsselrohstoff. Das wichtigste Instrument der Fördersteigerung war der Arbeitseinsatz, der seit 1941 zunehmend auf ausländische Arbeitskräfte und Zwangsarbeiter zurückgriff. Ohne ihren Einsatz hätte sich die Steinkohleförderung nicht in der erfolgten Form aufrechterhalten oder steigern lassen. Im September 1944, auf dem quantitativen Höhepunkt des Ausländereinsatzes, arbeiteten Seidel zufolge in den Gruben an Rhein und Ruhr mehr als 163.000 „Fremdarbeiter“ und Kriegsgefangene, was einem Anteil von knapp 42 Prozent an der Arbeiterbelegschaft entsprach.